Meridian
Kapitel 1
Langsam bahnte sich mein Geist seinen Weg durch die Schwärze. Meine Gedanken wurden klarer, aus dem Schwarz wurde Grau und Sterne zeichneten sich auf der Wasseroberfläche ab. Nein, es war kein Wasser. Dafür war es zu dunkel und auch viel zu schwer zu durchdringen. Diese Leichtigkeit musste ich mir erst wieder erarbeiten.
Doch fühlte ich mich hier auf eine merkwürdige Weise wohl. Es war schön… Verwirrend und eigentlich bedrohlich, aber doch so unglaublich schön. Und friedvoll. Dennoch konnte ich nichts dagegen tun, dass mein Bewusstsein immer weiter aufstieg. Es erkämpfte sich seinen Weg nach oben. Und siegte über das Dunkel.
Ich öffnete meine Augen. Obwohl, eigentlich war es eher ein zaghaftes Blinzeln mit meinem linken Augenlid und ein darauffolgendes Zusammenzucken, da mich das gleißende Licht der Sonne blendete. Es war also schon morgen. Oder Mittag. Ich erhob mich langsam, meine Glieder schmerzten. Kein Wunder, schließlich hatte ich die gesamte Nacht auf meinem harten Schlafzimmerboden verbracht – unfreiwillig natürlich. Einer der Männer hatte mich am Abend zuvor wohl k.o. geschlagen. Vorsichtig schlich ich mich in meine kleine Küche – dort befand sich nämlich mein Telefon – doch von den zwielichtigen Typen war nichts mehr zu sehen. Sie hatten wahrscheinlich schon gestern das Weite gesucht. Ich schnappte mir das kabellose Telefon und begab mich ins Wohnzimmer, um meinen Onkel Bobby anzurufen. Natürlich, er war nicht wirklich mein Onkel, aber was sagte Blutsverwandtschaft schon über eine Beziehung aus? Er war meine Familie, seitdem er mich vor 14 Jahren aufgenommen hatte, kurz nachdem meine Eltern verunglückt waren. Er war ein langjähriger Freund der Familie und meine Eltern hatten ihn in ihrem Testament als meinen Vormund festgesetzt, sollte ihnen etwas zustoßen.
Naja, und so war das. Ich hatte mit ihm in seiner kleinen Hütte am Strand von Santa Monica gelebt, bis ich im vergangenen Jahr mein Studium an der USC angefangen und mir eine Wohnung in Campusnähe gesucht hatte.
Und in dieser Wohnung stand ich jetzt. In meinem Wohnzimmer. In dem ein nackter Mann lag. Auf meinem Teppich. Meinem geliebten, champagnerfarbenen Flauschteppich, der so gut zu meinem Ohrensessel passte und mich ein Vermögen gekostet hatte. War der Mann tot? Der Gedanke ließ mich erschaudern. Eine Leiche! In meiner Wohnung! Auf meinem neuen Teppich… Er blutete doch nicht, oder?
„Prioritäten, Rea! Dein Teppich tut jetzt nichts zur Sache.", ermahnte ich mich selbst. Vielleicht war der Typ ein Komplize der Männer von gestern Abend? Er hatte sie übervorteilen wollen und sie hatten ihn abgemurkst. Aber warum trug er dann keine schwarze Einbrecher-Montur wie die beiden anderen?
Ich tapste auf Zehenspitzen zurück in meine Küche, steckte das Telefon in die Seitentasche meines Bademantels und bewaffnete mich mit einer Bratpfanne. Man konnte ja nie wissen.
Zurück in meinem Wohnzimmer näherte ich mich dem Nackedei langsam an. Ich beugte mich über ihn und konnte ihn nun genauer mustern. Hmm… äußere Verletzungen schien er nicht zu haben. Zumindest nicht auf seiner Rückseite, die, wie ich mit einem Blick auf seinen knackigen Hintern feststellen musste, nicht ohne war. Er roch auch gar nicht wie eine Leiche, sondern eigentlich ziemlich gut. Naja, aber ich war zuvor auch noch nie auf eine Leiche gestoßen, also wie konnte ich Thesen über den Geruch eines toten Körpers anstellen? Meine Vorliebe für Freitag-Abend-Krimis machte mich noch lange nicht zu einer Expertin. Ich wurde hier noch wahnsinnig!
Vorsichtig tippte ich seine Seite mit dem Stiel meiner Bratpfanne an. Keine Reaktion. Also stieß ich ihm noch einmal etwas fester in die Seite, was ein Grummeln zur Folge hatte und ihn seinen Arm bewegen ließ, um den Stiel fort zu schubsen. Sofort entfuhr mir ein schriller Schrei und ich glaube ich hatte es geschafft, mich innerhalb einer halben Sekunde bestimmt gute 7 Meter von ihm weg zu bewegen. Meine – zugegeben – heftige Reaktion hatte ihn nun gänzlich zu Bewusstsein kommen lassen. Er war aufgeschreckt und sah sich verwirrt um. Beinahe wirkte es, als hätte ich ihn mehr erschreckt, als er zuvor mich.
Sein Blick traf den meinen. Während ich gerade dabei war, meine Flucht-Optionen zu analysieren, schienen seine Gedanken jetzt klarer zu werden. Er hatte wohl gerade gemerkt, dass er nackt war, errötete und sah sich nach etwas um, dass seine Männlichkeit verdecken würde.
Hatten Killer Schamgefühl? Gerade in diesem Moment wirkte der Typ nämlich wirklich nicht bedrohlich. Er hatte sich ein Kissen von der Couch geangelt, es vor seiner Mitte platziert und machte nun Anstalten, aufzustehen. Ich währenddessen, schob mich weiter an der Wand entlang, Richtung Wohnungstür. Doch der Kerl war nicht blöd. Obwohl ich gedacht hatte, ich hätte einen unaufmerksamen Moment erwischt, ruhten seine Augen auf mir und meinen Bewegungen. Er wusste genau, was ich vorhatte.
„Du musst keine Angst haben. I-Ich werde dir nichts tun." Ja klar. Hätte ich vor, jemandem den Hals umzudrehen, würde ich auch nicht sagen: Schnell lauf weg, gleich ist es soweit.
Mein Schweigen war ihm wohl Antwort genug. „Ich weiß, das muss komisch wirken, plötzlich einen fremden, offenbar nackten, Mann in seiner Wohnung vorzufinden, aber…", er strich sich verlegen durch die halblangen, kupferfarbenen Haare, „Ich werde versuchen, es dir zu erklären, aber dafür musst du ruhig bleiben." Ich entschloss mich, ihm eine Chance zu geben, die Story schien ja interessant zu werden. Und vielleicht konnte er mir auch etwas über die maskierten Unbekannten sagen.
„Ich werde mich jetzt, mitsamt meinem Telefon, vor meiner Eingangstür positionieren. Und dir von dort aus zuhören. Klar?" Ich war ja nicht lebensmüde.
„Sicher, tu das. Ich werde mich auch nicht von der Stelle bewegen, versprochen." Wie sollte er auch? Der Kerl hatte keine Klamotten an! Ich würde mich auch nicht von der Couch mit den schützenden Kissen fortbewegen…
„Aber… könntest du den bitte anziehen? Ich weiß nicht, ob ich einen Exhibitionisten ernstnehmen kann…" Ich zog meinen Bademantel aus und warf ihn ihm zu. Natürlich nicht, ohne vorher das Telefon wieder an mich zu nehmen.
Das ist Nerea, meine Prota aus Meridian.
Zur "Vorgeschichte" (ich habe nur darauf gewartet, dass diese Frage auftaucht ;D):
Sie wurde am Abend zuvor ja von so Typen K.O. geschlagen und ihr wurde etwas sehr wertvolles gestohlen. Kurz bevor die Typen (am Abend) einbrachen, kam sie aus dem Bad, nachdem sie ein heißes Bad genommen hatte. Sie hatte bereits ihr Nachthemd angezogen, aber den Bademantel darüber, damit sie nicht fror und besser trocknen konnte.
Danke für die Erklärung
but you know that already of course :S